Rückgang und Aufschwung

Rückgang und Aufschwung: die 80er Jahre bis heute


Die Gemeinde dünnte in den Jahren bis 1986 stark aus, wegen beruflicher Abwanderung in die Großstädte. Es waren maximal 5 jüdische Kinder da, die von einem Wanderlehrer des Landesverbandes unterrichtet wurden. Die Hohen Feiertage Pessach, Rosch ha´Schanah und Jom Kippur wurden gefeiert, ansonsten gab es keinerlei jüdische Veranstaltungen. Durch neu hinzukommende Mitglieder aus Frankreich und Israel und durch Zusammenarbeit mit der US Army wurden die Aktivitäten ausgebaut. Einmal im Monat wurde der Kabbalat Schabbat abgehalten mit einem anschließenden Kiddusch, zu dem auch immer Gäste willkommen waren (und selbstverständlich sind). Jüdische Feste wurden nun ausführlicher gefeiert, auch die Vortragstätigkeit für die Öffentlichkeit wurde intensiviert. 


Durch die Vortragstätigkeit der 2004 verstorbenen früheren Kulturreferentin, Frau Chriss Fiebig, kamen auch viele nichtjüdische Menschen in Kontakt mit dem Judentum und konnten Vorurteile abgebaut werden. 


Bis 1988/89 sank die Mitgliederzahl der IKG bis auf ca. 30 Personen im Einzugsbereich der Gemeinde, der ziemlich groß ist: so reicht der Einzugsbereich auf der Nord-Süd-Achse von der thüringischen Landesgrenze bis südlich von Forchheim und west-östlich von einem großen Teil der Fränkischen Schweiz bis kurz hinter Viereth-Trunstadt, da dort Unterfranken beginnt. Es war bis Ende der 80er Jahre abzusehen, wann in Bamberg der Letzte das Licht ausgemacht hätte. 


Erst mit dem Zuzug der Neueinwanderer aus der ehemaligen USSR und deren Nachfolgestaaten wuchs die Anzahl der Gemeindemitglieder und der nichtjüdischen Familienangehörigen auf jetzt 900 Personen (letzte Schätzung der ZwSt.). Wir haben eine funktionierende Infrastruktur: Es werden alle Feiertage gehalten, es gibt regelmäßig G´ttesdienste am Freitagabend und Schabbatmorgen. Ein äußerst aktiver Seniorenclub der russischsprechenden Mitglieder veranstaltet Konzerte, Theateraufführungen (in Zusammenarbeit mit dem Künstlerpool des Zentralrates der Juden in Deutschland) und Reisen. Wir haben eine russisch-sprachige Religionslehrerin, die über den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern in Heidelberg an der Jüdischen Hochschule studiert hat. Wir haben unseren eigenen Friedhof, eine Verwaltung und einen gut funktionierenden Sozialdienst. Und seit dem 19.11.2009 haben wir im 1. Obergeschoß über dem Bürotrakt ein Jüdisches Lehrhaus - Bet Midrasch Bamberg, in dem regelmäßig akademische Vorträge (in Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg), weitere Vorträge unserer Gemeindemitglieder, Filmabende, Bilderausstellungen und das Kulturcafé stattfinden. Durch ein Erbe einer ehemaligen Bambergerin konnte die IKG Bamberg auch einige wertvolle Möbelstücke in das Zimmer der früheren Bibliothek einstellen (s. Inge Wolf Zimmer). 


Mit der Einweihung der Neuen Synagoge mit Gemeindezentrum am 1. Juni 2005 ist nunmehr ein über 40 Jahre dauerndes Provisorium zuende gegangen. Mit der Weihe der nunmehr 7. Synagoge haben wir endlich wieder eine würdige Betstätte hier in Bamberg. Der Leitsatz der Synagoge: "dies sei mein Haus benannt zum Gebet für alle Völker" - "ki bejti bejt tfilah jikra l´chol ha´amim" stellt seine Bestimmung klar: Wir wollen uns nicht in Bamberg verstecken, sondern als selbstbewusste und gleiche Bürger in Bamberg leben, arbeiten und uns für das Wohl dieser Stadt engagieren. Der Dank für unseren erfolgreichen Bau richtet sich an alle, die uns immer vorbehaltlos unterstützt haben, so Herrn Oberbürgermeister a.D. Herbert Lauer, Herrn Regierungspräsidenten a.D. Hans Angerer, die Bayerische Staatsregierung für den Staatsvertrag der Israelitischen Kultusgemeinden, der es möglich machte, praktiziertes jüdisches Leben zu erhalten und zu fördern. Ebenfalls zu Dank verpflichtet sehen wir uns der christlichen Geistlichkeit in Bamberg, die uns nicht nur stets moralisch gefördert haben, sondern zudem die Gestaltung der Ostwand in der neuen Synagoge übernommen haben. Der Dank gilt ebenfalls allen Bamberger Firmen, Stiftungen, Kirchengemeinden und Privatpersonen, sowie den ehemaligen Bambergern, die das Vorhaben finanziell großzügig unterstützt haben. 


Von der 5. Synagoge in der Herzog-Max-Straße ist nichts mehr übrig (heute stehen dort die Stelen, die and die Zerstörung der Synagoge und der Gemeinde erinnern), auch von den Ritualgegenständen ließ sich nichts mehr finden. Deshalb ist die Kultusgemeinde dankbar, die vor dem Abbruch der Häuser und der 1910 profanisierten 4. Synagoge 1985 in den heutigen Theatergassen geretteten Torbogen und Türen in die jetzige 7. Synagoge integrieren zu können. Auch der Betsaal von 1963 wurde wieder in das Gemeindezentrum integriert, nunmehr als Mehrzweckssaal. Das Sandsteinportal stellt eine Erinnerung an das reiche pulsierende jüdische Leben vor dem 2. Weltkrieg, der Torahschrein des früheren Betsaales der 6. Synagoge eine dankbare Erinnerung an die Nachkriegsgemeinde dar, ohne die es möglicherweise heute in Bamberg keine jüdische Gemeinde mehr gäbe. 


So bleibt uns das heute wenig Gebliebene, aber wir sind voller Hoffnung, die verbliebenen Reste in ein neues reiches jüdisches Leben integrieren zu können. Dies bedeutet nicht, sich jetzt nach der Einweihung satt und zufrieden zurückzulehnen. Die Arbeit fängt jetzt erst richtig an. So wichtig Erinnern ist, so wichtig ist es auch, die gewaltigen Aufgaben der Integration unserer Neumitglieder voranzutreiben, sie spüren zu lassen, dass sie hier in Deutschland willkommen sind und ihnen zu helfen, sich hier zurecht zu finden. Dies ist nur möglich, wenn wir alle, nicht nur die Gemeinde, sondern alle, die am Gemeinwesen unserer Stadt und unseres Landes mitarbeiten, in diese Projekt zu integrieren. Wir sind der Stadt und dem Landkreis dankbar für seine Bemühungen, den Neuankömmlingen eine neue Heimat zu bieten und ich kann auch sagen, dass es hier in Bamberg sehr gut funktioniert. Aber auch der wachsenden Säkularisierung bzw. dem schlichten Desinteresse an Religion muss entgegengewirkt werden. Hier sich als kleine jüdische Gemeinschaft in Bamberg zu behaupten, ist eine ungleich schwerere Aufgabe als seitens der großen jüdischen Gemeinden. Auch seitens der Kirchen. Sie haben ebenfalls einen Mitgliederschwund zu beklagen, aber haben noch so viele Kirchgänger, dass sie nicht in ernsthafte Schwierigkeiten kommen könnten. 


Und nicht zuletzt haben alle Religionsgemeinschaften die Aufgabe, un- und antidemokratische Tendenzen politischer wie religiöser Art zu bekämpfen, deren Ziel es ist, andere Menschen, die eine andere Religion, eine andere Denkweise oder eine andere Lebensgestaltung haben, auszugrenzen, zu terrorisieren und zu verfolgen. 


Wir laden Sie ein, sich selbst ein Bild unserer Gemeinde zu machen. 


Martin Arieh Rudolph
(webmaster)